Von Budgets
und Lieblingsstücken


Auswertung der Dirigentenumfrage 2005 des Ces-dur Musikverlages ist aufschlussreich

Artikel erschienen in der sakrisch guten Bläserfachzeitschrift forte und in Bayerische Blasmusik, Heft 9/2005 und immer auf Seite 16. Abdruck mit freundlicher Genehmigung von dvo ? Druck und Verlag Obermayer, D-86807 Buchloe

Weit über 100 Dirigenten und Orchesterleiter beteiligten sich an der großen Dirigentenumfrage, die der Ces-dur-Musikverlag im Frühsommer im Internet startete. Sehr zufrieden ist damit Andreas Horwath als Verlagsleiter: »Wer mitmachte, war sowohl interessiert an dem Thema selbst als auch an den attraktiven Preisen, die wir und der dvo-Verlag gestiftet hatten.« Und aufschlussreich waren die Ergebnisse ebenfalls. Immerhin nahmen viele Dirigenten die Gelegenheit wahr, ihren Antworten auf die expliziten Fragen noch Kommentare und Anmerkungen beizusteuern. Die Auswertung erläutert hier Andreas Horwath.

Der Notenkauf
In diesem Frageteil wurde geklärt, was letztlich die Kaufentscheidung beeinflusst. Die Antworten zu den 16 Fragen sind in Tabelle 1 aufgeführt. Wie man leicht sehen kann, ist die Wichtigkeit einiger Kriterien enorm, bei anderen sind die Meinungen sehr geteilt und einige wenige werden als unwichtig eingestuft. Bei einigen Fragen ist die Summe der Prozentzahlen nicht 100 Prozent, da die Frage in Einzelfällen unbeantwortet blieb.

Dirigentenumfrage 2005 Tabelle 1

Die Demo-CD ist neben der Probepartitur das Informationsmaterial der Musikverlage, das den Dirigenten zur Verfügung gestellt wird. Überraschend ist, dass sie nur für knapp 60 Prozent wichtig ist und 15 Prozent sie sogar für unwichtig halten.
Sind die Stücke allerdings komplett von renommierten Orchestern eingespielt, erachten 50 Prozent ist dieses Medium für wichtig. Probepartituren sind für über 90 Prozent der Dirigenten wichtige Entscheidungshilfen. Sie gehören damit zu den fünf wichtigsten Kriterien (siehe Tabelle 2).

Dirigentenumfrage 2005 Tabelle 2

Das Stück bereits live gehört zu haben, sich einen Eindruck verschafft zu haben wie es wirkt und ob es das Publikum mitreißt, ist nur für knapp 30 Prozent entscheidend. Für etwas mehr als die Hälfte sind der Komponist und der Arrangeur gleich wichtig, ein Fünftel achtet nicht darauf.
Auch der Preis scheint nicht die entscheidende Rolle zu spielen. Mit 61 Prozent ist er nur für drei Fünftel wichtig. Für 86 Prozent der Dirigenten dagegen ist die Ausstattung eines Stückes (komplette Partitur, Anzahl der Einzelstimmen, erläuternde Texte) schon ausschlaggebend für den Kauf. Layout, Verlag und Titel des Stückes spielen dagegen keine wichtige Rolle.

Erwartungsgemäß ist der Schwierigkeitsgrad sehr wichtig. Kein Dirigent möchte sein Orchester über- oder unterfordern. Der Schwierigkeitsgrad muss dem Leistungsstand des Orchesters angemessen sein. Die Antwort auf die Frage, wie entscheidend Spielbarkeit und Machbarkeit für das Orchester sind, bestärkt noch die vorherige und übertrifft sie an Deutlichkeit. 97 Prozent suchen sich neue Literatur in erster Linie danach aus.

Der Bekanntheitsgrad des Stücks spielt keine besondere Rolle, dafür aber der eigene Geschmack. Wer möchte sich schon mit einem Stück beschäftigen, das in den eigenen Ohren nicht gut klingt? Für über 90 Prozent ist dieses Kriterium wichtig.

Fazit: Es gibt nicht »das« entscheidende Kriterium für den Notenkauf. Es ist vielmehr eine Kombination aus verschiedenen, zudem persönlich geprägten Faktoren, die den Ausschlag für ein Stück geben. Exemplarisch noch einige Kommentare, die die Fragen nach den wichtigen Kriterien ergänzen.

Das Stück als Kunstwerk
· Guter Gesamtklang
· Das Stück gefällt den Musikern
· Das Stück muss dem Dirigenten beim ersten Hören gefallen, das Publikum hat meist auch nur eine Chance

Das Stück als Produkt
· Satzqualität, Druckbild, Druckgröße (etwa Glockenspiel und Paukenstimmen)
· Frei von Druckfehlern
· Genügend Einzelstimmen


Der Musikverlag
· Gute Beratung durch den Verlag
· Service des Verlags, etwa bei verloren gegangenen Noten
· Schnelle Lieferung, portofrei
· Komplette Titel zur Ansicht
· Angabe einer Mindestbesetzung


Budget und Saisonalität
Wieviel Geld haben Dirigenten in der Regel pro Jahr für den Notenkauf zur Verfügung? Durchschnittlich kann jeder rund 450 Euro ausgeben. 37 Prozent können über 500 Euro, je 20 Prozent zwischen 400 und 500 Euro und zwischen 300 und 400 Euro investieren.

Die meisten gekauften Noten (41 Prozent) kosten zwischen 75 und 100 Euro. Je 20 Prozent liegen zwischen 50 und 75 Euro und zwischen 100 und 125 Euro. Immerhin 8 Prozent liegen oberhalb von 200 Euro.

Je ein Viertel der Dirigenten kaufen zwei-, drei- oder mehr als fünfmal im Jahr Noten.

Knapp zwei Fünftel kaufen vorwiegend im dritten Quartal die meisten Noten, was sicherlich durch die Frühlingskonzerte von März bis Mai zu erklären ist. Auf die übrigen Quartale entfällt jeweils ein weiteres Fünftel.

Wer wählt die zu kaufenden Noten aus? Dies war die einzige Frage, bei der eine Mehrfachauswahl erlaubt war. 92 Prozent geben an, dass sie als Dirigent direkt an der Notenauswahl beteiligt sind. Bei 16 Prozent wirkt zusätzlich das Orchester bei der Entscheidungsfindung mit, bei 12 Prozent noch ein Notengremium. 69 Prozent kaufen ihre Noten direkt beim Verlag, 19 Prozent im Versandhandel, sechs Prozent im Musikhaus und vier Prozent bei sonstigen Anbietern.

Die Jahreskonzerte verteilen sich zu einem Drittel auf das erste Quartal, 21 Prozent finden im zweiten statt, im dritten - sprich zur Sommerferienzeit - sind keine Jahreskonzerte terminiert, und im vierten 38 Prozent. Sechs Prozent geben an, kein Jahreskonzert zu haben. Die meisten Dirigenten (36 Prozent) kaufen ein halbes Jahr vorher die Noten. 28 Prozent erst drei bis Monate und 20 Prozent schon sieben bis neun Monate vorher.

In ihren Bemerkungen gaben viele an, dass dies von Jahr zu Jahr schwanken könne, je nach Programm und Rahmenbedingungen. Zudem würde die Anschaffungszeit vor einem Konzert sehr vom Typ und vom Schwierigkeitsgrad eines Stückes abhängen - leichte Stücke werden auch kurzfristig bestellt, schwierigere tendenziell lange vor der Konzerttermin, da der Dirigent sich mit dem Werk vertraut machen muss.

Der dritte Block
Im dritten und letzten Block konnten die an der Umfrage teilnehmenden Dirigenten Angaben zu Ihrer Ausbildung, Erfahrung und der Leistungsstufe ihrer Orchester machen. Zudem wurde nach dem Land und im Falle von Deutschland nach dem Bundesland gefragt.

Ausbildung Dirigent
C3-Lehrgang 32%
B-Lehrgang 12%
Hochschulstudium 18%
Andere Ausbildung 27%
Keine Ausbildung 9%

Erfahrung (in Jahren)
1 bis 2 9%
3 bis 5 19%
6 bis 10 25%
11 bis 15 19%
16 bis 20 10%
21 bis 25 8%
26 bis 30 4%
31 bis 35 2%
über 35 2%

Leistungsstufe der Orchester
Unterstufe 4%
Mittelstufe 44%
Oberstufe 35%
Höchststufe 6%
Kunststufe 2%
Berufsorchester 1%
Jugendorchester 7%

Sehr erfreulich war, dass zehn Prozent der Teilnehmer aus Österreich kommen und dass auch Teilnehmer aus der Schweiz, aus Holland und Belgien dabei mitgemacht haben. Der Löwenanteil (85 Prozent) kommt erwartungsgemäß aus Deutschland. Hierbei kommen etwas mehr als die Hälfte aus Baden-Württemberg (28 Prozent) oder Bayern (23). Der Rest verteilt sich auf Niedersachsen (acht), Nordrhein-Westfalen (acht), Rheinland-Pfalz (fünf) und Hessen (fünf) sowie auf die übrigen Bundesländer (neun Prozent). Der Rest hat leider keine Angaben zum Bundesland gemacht.

Ungefragtes
Fast am Schluss der Dirigentenumfrage bestand die Möglichkeit, Ungefragtes zu nennen, was viele Teilnehmer genutzt haben. Es würde Stoff für mindestens zwei weitere Umfragen geben, wollte man alle Punkte bis ins Detail klären. Hier als Überblick die interessantesten Nennungen, wobei einige eher weg vom Thema »Dirigent« hin zum Thema »Orchester« gehen:

· Einsatzgebiete des Orchesters und Anzahl der Auftritte pro Jahr
· Größe des Orchesters
· Zufriedenheit mit dem Notenmaterial
· Fragen zur Partitur und Anzahl der Einzelstimmen
· Attraktivität des Stückes beim Publikum
· Ausbildungsstand der Musiker
· Wichtigkeit der Werbung in gedruckten Publikationen
· Welche Stimmen oft fehlen
· Welche Stimme im Orchester nicht vorhanden sind und umgeschrieben werden müssen


Lieblingsstücke
Zum Schluss fragte ich nach den Lieblingsstücken der Dirigenten. Das überraschende vorweg: es gibt kein »Lieblingsstück«, sondern jeder Dirigent hat »seine« Lieblingsstücke, so individuell und unterschiedlich wie jeder nun mal ist und so vielfältig und reich die Bläsermusik an Literatur ist. Ein besonderes Stück oder einen besonderen Komponisten hier zu nennen ist leider - oder zum Glück? - nicht möglich.

Ausblick
Die Ergebnisse der ersten Dirigentenumfrage liegen vor. Sie sind hoch interessant, manchmal erwartet und manchmal unerwartet ausgefallen. Doch stets sind sie nur ein Abbild, eine Momentaufnahme ohne Kontinuität. Was wäre, wenn ganz andere Dirigenten geantwortet hätten. Wäre dasselbe herausgekommen? Mit Sicherheit nicht. Aber wo läge der Unterschied?

Aus diesem Grunde plane ich für das nächste Jahr eine weitere Umfrage unter den Dirigenten und Orchesterleitern. Wie aus dem Punkt »Ungefragtes« hervorgeht, gibt es etliche Themengebiete, die noch entdeckt werden müssen. Für die Kontinuität werden aber einige bekannte Fragen dabeisein.

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Andreas Horwath